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Vitamin E ©  

Können Vitamine (Tocopherole) tödlich sein?

Eine kritische Betrachtung über die kontroverse Diskussion zur vermeintlichen Schädlichkeit von Vitamin E.
 

Zunächst aber einige Grundlagen zum Vitamin E:

Es gibt verschiedene Tocopherole, die zusammen als Vitamin E bezeichnet werden und durch I. E. (= Internationale Einheiten) miteinander vergleichbar sind. Vitamin E ist ein starkes Antioxidans und schützt körpereigene Strukturen vor Angriffen oxidativer Substanzen – insbesondere ungesättigte Fettsäuren, Vitamine, Hormone, Enzyme und Zellmembranen. Es hemmt die Thrombozytenagglutination und wirkt so der Gerinnselbildung entgegen. Zusammen mit Selen stimuliert es die Antikörperbildung. Vitamin E und Vitamin C verhindern die Bildung krebserregender Nitrosamine im Magen-Darm-Trakt. 

Bedarf

Empfohlene Zufuhr:                        8-12 I. E. tgl.
Therapeutische Zufuhr:          100-1200 I. E. tgl. 

Mangelsymptome 

Ein manifester Mangel an Vitamin E zeigt sich sehr selten und geht mit Muskelschmerzen und einer Instabilität der Erythrozyten einher. Latente Mangelerscheinungen kommen vermutlich weit häufiger vor und sind auf vermehrten oxidativen Stress – Umweltgifte, UV- und radioaktive Strahlung, Zigarettenrauch, Arzneimittelkonsum – zurückzuführen. Obwohl noch kontrovers darüber diskutiert wird, wird ein Vitamin E- Mangel mit bestimmten Erkrankungen in Zusammenhang gebracht, so z. B. mit Arteriosklerose, Krebs, Infektionen, Rheuma, Diabetes mellitus, vorzeitiges Altern und Katarakt.

Symptome bei Überdosierung von Vitamin E 

Bei sehr hohen Dosen (3000 I. E. tgl. und mehr) kann es zu Verdauungsstörungen, Muskelschwäche sowie zur Erschöpfung kommen. 

Indikationen 

Arteriosklerose: 

Durch die antioxidative Wirkung des Vitamin E werden die Gefäßwände in gewissem Maße vor Ablagerungen geschützt; auch die Hemmung der Thrombozytenagglutination spielt vermutlich ebenfalls eine schützende Rolle. In einer epidemiologischen Studie fand sich bei Vitamin E-Zufuhr über 200 I. E. tgl. eine Reduktion der koronaren Mortalität um 30-40%. Vitamin E eignet sich zur vorbeugenden Behandlung von Apoplex und Herzinfarkt. Eine optimale Dosis ist nicht bekannt, die Einnahme von 400 I. E. tgl. ist empfehlenswert. 

Herzerkrankungen: 

In verschiedenen Bevölkerungsgruppen erwiesen sich niedrige Vitamin E-Spiegel als stärkerer Risikofaktor für koronare Herzerkrankungen als Cholesterin oder Bluthochdruck. 

Krebsprophylaxe und Krebstherapie: 

Niedrige Vitamin E-Spiegel erhöhen das Risiko der Entstehung von Krebs. Zur Vorbeugung und zur unterstützenden Therapie bei Krebs ist Vitamin E inzwischen weitgehend etabliert. 

Arthrose und Arthritis: 

Freie Radikale, die bei Entzündungsprozessen entstehen und die Gelenke schädigen können, werden durch Vitamin E abgefangen. 

Infektabwehr: 

Vitamin E und Selen, zusammen verabreicht, erhöhten die Antikörperproduktion. 

Menstruationsbeschwerden: 

Bei Menstruationsbeschwerden und prämenstruellem Syndrom kann Vitamin E die Beschwerden lindern. 

Menopause: 

Klimakterische Beschwerden sprechen gut auf die Behandlung mit Vitamin E an. Es empfiehlt sich die Gabe von 400-800 I. E. Vitamin E tgl. 

Altern: 

Vitamin E ist kein „Verjüngungsvitamin“, vermag jedoch durch den Schutz vor oxidativem Stress Zellalterungsvorgänge zu bremsen und das im Alter oft vermindert leistungsfähige Immunsystem zu stimulieren. 

Diabetes mellitus: 

Vitamin E (200-800 I. E. tgl.) soll den Insulinbedarf senken und vor den bei Diabetes vermehrt entstehenden freien Radikalen schützen. 

Umweltbelastung: 

Vitamin E unterstützt die Entgiftung von Schwermetallen, insbesondere von Blei und Quecksilber. 

Wundheilung: 

Die Entstehung unschöner Wulstnarben soll durch das Auftragen von Vitamin E verhindert werden. 

Kontraindikationen und Nebenwirkungen 

Bis zu einer Dosis von 800 mg (= ca. 1200 I. E. tgl.) gilt Vitamin E heute als sicher und praktisch nebenwirkungsfrei. Bei Dosierungen um 3000 mg wurden Verdauungsstörungen, Muskelschwäche und Erschöpfung beobachtet. Da das Blut bei Einnahme hoher Dosen schlechter gerinnt, sollte bei Blutgerinnungsstörungen keine hoch dosierte Therapie erfolgen. Bei Einnahme von Antikoagulanzien müssen engmaschige Kontrollen anberaumt werden. 

Nahrungsmittel 

Vitamin E kommt nur in Pflanzen und Mikroorganismen vor. Pflanzliche Öle, besonders Weizenkeimöl, Sonnenblumenöl, Walnussöl, Getreidekeime, Nüsse und Samen enthalten viel Vitamin E. Die meisten Gemüse, vor allem Schwarzwurzel, Fenchel, Paprika, Sojabohnen und einige Obstsorten sind ebenfalls reich an Vitamin E.

Können Vitamine tödlich sein?

Vitamine können tödlich sein - so oder ähnlich konnte man unlängst in zahlreichen Zeitschriften lesen. Amerikanische Forscher hatten eine Meta-Analyse durchgeführt (1). Dabei werden verschiedene Studien zusammengefasst, um eine stärkere statistische Aussagekraft zu erzielen. Die Forscher hatten 19 Studien zum Thema Vitamin E mit unterschiedlichen Zielsetzungen in ihre Analyse aufgenommen. Dabei kam heraus, dass hoch dosiertes Vitamin E zu einem Anstieg der Gesamtsterblichkeit (alle Todesursachen) führte – und zwar um 34 zusätzliche Todesfälle bei 10.000 Personen. Dies bedeutet einen Schlag ins Gesicht der Vitaminbefürworter. Vitamine nützen also möglicher Weise nicht, sie schaden vermutlich sogar! Leider werden – zumindest in der Zweit- und Drittveröffentlichung – nicht ganz unwichtige Fakten unterschlagen, die das Bild vom gefährlichen Vitamin E durchaus relativieren: 

Stellen wir uns einmal vor, ganzheitlich denkende und naturheilkundlich orientierte Wissenschaftler würden eine Meta-Analyse zu Nebenwirkungen von Betablockern veröffentlichen. Dabei würden sie Studien verwenden, die den Einsatz von Betablockern bei Bluthochdruck, bei Herzrhythmusstörungen, bei Migräne und in der Nach-Infarktbehandlung zur Grundlage haben. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer läge in einigen Studien bei 30 Jahren, in anderen bei weit über 60. Die Dosierungen des Betablockers würden in den unterschiedlichen Studien teilweise um ganze Dosisstufen voneinander abweichen. Ja, es würden sogar ganz unterschiedliche Betablocker eingesetzt werden. Wie würden wohl die Kommentare in der wissenschaftlichen Fachwelt aussehen? Die wissenschaftliche Gemeinde würde den ganzheitlichen Forschern eine solche Meta-Analyse um die Ohren schlagen. Begründung: Man könne schließlich keine Äpfel mit Birnen vergleichen! Und genau das ist bei der Vitamin E- Meta-Analyse geschehen. Es wurden Studien zu Krebs, Morbus Alzheimer oder Makuladegeneration, Studien mit älteren oder jüngeren Teilnehmern, Studien mit Einnahme von wenig oder viel Vitamin E, mit natürlichem oder synthetischem Vitamin E, mit Begleitmedikation durch andere Vitamine oder nicht in einen Topf geworfen. Aus diesem eigentlich unverdaulichen

  Eintopf wurde dann die Mär vom ach so gefährlichen Vitamin E geköchelt. Wo bleibt der Protest von Wissenschaftlern, die eine solche Meta-Analyse zur Bewertung schulmedizinischer Medikamente niemals vor ihren kritischen wissenschaftlichen Augen bestehen lassen würden? Man hat den Eindruck, wenn es um (oder besser: gegen) die Naturheilkunde geht, kann man ein solches schon einmal zudrücken.

 ► Die Frage, ob bei Gesunden Schutzeffekte durch Vitamin E in Bezug auf die Gesamtsterblichkeit eintreten könnten, wird durch diese Analyse an Kranken nicht entschieden. Die Ergebnisse sind also überhaupt nicht übertragbar auf Gesunde oder Patienten mit bestimmten Risikofaktoren, die Vitamin E präventiv zum Schutz vor Erkrankungen einnehmen. In den Zweitveröffentlichungen wird jedoch der Eindruck erweckt, Vitamin E sei für alle bedenklich.

  Die amerikanischen Wissenschaftler verwendeten ein statistisches Verfahren (Quadratic-linear spline model), welches dazu tendiert, Risiken überzubewerten. Mit einer anderen statistischen Methode wäre möglicherweise ein anderes Ergebnis herausgekommen. In den letzten zwei Jahren erschienen drei andere Meta-Analysen über Vitamin E (2, 3, 4), die keine Erhöhung der Sterblichkeit ergaben. In den Presseveröffentlichungen wird aber merkwürdigerweise nur die „gefährliche“ Vitamin E-Studie zitiert, nicht jedoch die Entwarnungen.

  Die Meta-Analyse brachte noch ein weiteres Resultat: Patienten der Studie, die mehr als 400 Einheiten pro Tag einnahmen, wiesen eine Risikoerhöhung von nur 0,34 % bezüglich der Gesamtsterblichkeit auf. Aber Patienten, die weniger als 400 Einheiten bekamen (dies ist immer noch wesentlich mehr als durch die Nahrung zuzuführen ist) zeigten sogar eine um 0,33 % geringere Sterblichkeit! Dieses positive Ergebnis wird in den meisten Verlautbarungen jedoch unterschlagen.

  In den wenigsten der 19 Studien wird berichtet, ob synthetisches oder natürliches Tocopherol (Vitamin E) verwendet wurde. Dies macht möglicher Weise einen sehr großen Unterschied aus. Natürliches Vitamin E besteht aus 8 verschiedenen Formen von Vitamin E, die sich bezüglich ihrer antioxidativen und sonstigen biologischen und chemischen Effekte alle ein klein wenig voneinander unterscheiden. Synthetisches Vitamin E besteht hingegen nur aus einem einzigen Tocopherol. Eine Theorie besagt nun, dass wir eventuell nicht nur dieses eine Vitamin E benötigen, sondern auch die anderen Formen. Im Gegenteil: wenn wir von dem einen sehr viel haben, können die anderen Tocopherole an den Vitamin E-Rezeptoren nicht mehr andocken und ihre Wirkung entfalten. Wie gesagt, bisher nur eine Theorie. Es gibt meines Wissens aber keine Meta-Analyse, die Studien mit synthetischem oder natürlichem Vitamin E gegeneinander verglichen hätte. In vielen Studien wird noch nicht einmal angegeben, welches Vitamin E überhaupt verwendet wurde. Wäre das nicht ein interessantes und dankbares Gebiet, liebe Forscher?

  Ein prinzipielles Problem besteht darin, dass Forscher, die sich mit Arzneimittelstudien von Monosubstanzen (z. B. ein bestimmter Betablocker, ein genau definierter ACE-Hemmer) gut auskennen, plötzlich komplexe Substanzgemische beurteilen sollen. Hierfür existieren jedoch keine statistischen Instrumente. Darum werden auch Substanzgemische wie Vitamin E in gleicher Weise wie ein Betablocker beforscht und beurteilt. Die Frage, ob das überhaupt legitim ist, wird nicht gestellt.

Was sind die Schlussfolgerungen daraus?

Wir sollten „einfachen“ Wahrheiten zu komplexen Fragestellungen prinzipiell ein gesundes Maß an Misstrauen entgegenbringen. Man sollte schon die genauen Hintergründe, am besten das exakte Studiendesign kennen oder die Studie sogar in der Originalarbeit nachlesen. Das lässt sich natürlich nicht immer machen, weder für den Arzt, noch viel weniger für den Laien. Dann sollten wir eher einem Kommentar zu einer Studie trauen, der kritisch und unvoreingenommen ist. Ich mag keine Verschwörungstheorien, die jeden Kritiker einer naturheilkundlichen Therapie reflexartig der Bestechung durch die „böse Pharmaindustrie“ bezichtigen. Schaut man sich die gebetsmühlenartig wiederholten und jährlich wiederkehrenden kritischen und (s. o.) einseitig negativen Darstellungen über Vitamine an, kann man sich nicht ganz des Eindruckes erwehren, dass System dahinter steckt. Wenn eine Forschergemeinde, der naturheil-kundliche Therapien suspekt sind, vitaminkritische Informationen erhält, dann scheinen diese besonders willig aufgenommen zu werden. Während sich vor einigen Jahren Journalisten (Spiegel, Stern etc.) gern über Nebenwirkungen, Skandale und Vorteilnahme in der Schulmedizin ausgelassen haben, so scheinen sie sich mittlerweile auf die Naturheilkunde „eingeschossen“ zu haben. Ob Phytotherapie, Heilfasten oder eben jetzt die Vitamine – alles ist gleich tödlich. Dass mehrere Tausend Menschen allein in Deutschland Jahr für Jahr an meist vermeidbaren Nebenwirkungen von schulmedizinischen Medikamenten versterben – wen interessiert das schon, wenn doch Vitamin E so gefährlich ist? 

Wenn ich hier die Vitamine argumentativ verteidige, möchte ich damit jedoch nicht den Eindruck erwecken, man sollte den Vitaminen völlig unkritisch begegnen. Wenn wir Dosen nehmen, die um Größenordnungen über der üblichen Zufuhrempfehlung liegen, greifen wir damit massiv in komplexe Regelkreise unseres Körpers ein. Dies sollten wir schon gezielt und kontrolliert tun – am besten unter der Regie eines Arztes, der sich in Nährstofffragen gut auskennt. Das hippokratische Prinzip des „nihil nocere“ (in erster Linie darf nicht geschadet werden), sollte auch für die Nährstofftherapie gelten. Unkritischen Protagonisten einer sich als omnipotent gebärdenden Nährstofftherapie – insbesondere wenn massive wirtschaftliche Interessen damit verbunden sind – stehe ich mindestens genauso kritisch gegenüber wie mit Scheuklappen versehenen Schulmedizinern, die nur das Schlechte an Nährstoffen sehen wollen. 

Patienten rate ich: Eine Nährstofftherapie darf kein Ersatz für eine schlechte Ernährung oder Lebensweise sein. „Ich rauche, saufe und fresse, dafür bewege ich mich aber nicht. Mir kann aber trotzdem nichts passieren. Ich nehme doch ein Vitaminpräparat ein.“ So bitte nicht! Die Basis einer ganzheitlichen Behandlung – sowohl präventiv als auch kurativ – sollte immer noch eine gesunde, vollwertige, vegetarisch orientierte Ernährung (deren Nutzen ist evidenzbasiert bei Krebs, Herz-Kreislauf- und vielen anderen Erkrankungen) im Zusammenspiel mit einer gesunden Lebensweise sein, die regelmäßige Bewegung, Nichtrauchen, wenig Alkohol und sonstige Genussmittel und auch psychohygienische Aspekte (Lebensfreude, Entspannungstechniken) mit einschließt. Wenn dann noch Risiken (z. B. hohes Cholesterin, hoher Blutdruck , erbliche Veranlagung für bestimmte Krankheiten) oder Erkrankungen (z. B. Rheuma, Osteoporose, Herzinsuffizienz, Arteriosklerose) bestehen, dann kann eine gezielte Nährstofftherapie als Sahnehäubchen in einem ganzheitlichen Therapiekonzept äußerst segensreich sein. 

      (1)   Miller, E.R. et al.: Meta-Analysis: High-Dosage Vitamin E Supplementation May Increase All-Cause Mortality. Ann Intern Med, 2004
(2)
   Eidelman, R.S. et al.: Randomized trials of vitamin E in the treatment and prevention of cardiovascular disease. Arch Intern Med, 1552-6, 2004
(3)
   Shekelle, P.G. et al.: Effect of supplemental vitamin E for the prevention and treatment of cardiovascular disease. J Gen Intern Med, 380-9, 2004
(4)
   Vivekanthan, D.P. et al.: Use of antioxidant vitamins for the prevention of cardiovascular disease: meta-analysis of randomised trials. Lancet, 2017-23, 2003
(5)
   Albanes, D. et al.: Alpha-Tocopherol and beta-carotene supplements and lung cancer incidence in the alpha-tocopherol, beta-carotene cancer prevention study: effects of base-line characteristics and study compliance.
J Natl Cancer Inst. 1560-70, 1996 

Wenn Sie individuelle Fragen zu Vitaminen oder Mineralstoffen haben (Habe ich Mangelzustände? Welche Stoffe sind in welcher Dosierung bei meiner Krankheit sinnvoll? Welche Interaktionen mit meinen Medikamenten sind zu beachten? Gibt es erschwingliche Präparate für mich?), so können Sie sich vertrauensvoll an mich wenden. Während eines stationären Aufenthaltes (auch als Selbstzahler im Rahmen unserer Angebote "Fit für den Alltag" oder unserem speziellen Gesundheitsangebot für Selbstzahler, Privatversicherte und Beihilfeberechtigte) oder in meiner naturheilkundlichen Privatambulanz, können wir gern Ihre Fragen und Probleme ausführlich besprechen. 

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit 

 © Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand).

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Aktualisiert: August 2010

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