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Nikotinsäure ©

Wenn andere Fettsenker wie Statine nicht vertragen werden

Kaum ein Markt – ich spreche bewusst von Markt – ist so umstritten wie der Nahrungsergänzungsmarkt. Einerseits gibt es Ärzte, die behaupten, das nütze doch alles eh nichts, könne im Gegenteil sogar zu schweren Schäden führen. Andererseits gibt es vehemente Befürworter, die „ihr“ Präparat sehr aggressiv vermarkten und teilweise abenteuerliche Heilerfolge versprechen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Ich sage wahrscheinlich, weil „harte“ wissenschaftliche Erkenntnisse hierzu noch recht spärlich und widersprüchlich sind oder Studienergebnisse überinterpretiert werden.

Nikotinsäure als Nahrungsergänzung 

Eine „Nahrungsergänzung“ möchte ich hier ausführlicher behandeln, da sich hierzu in den letzten Jahren interessante neue Erkenntnisse ergeben haben. Es handelt sich dabei die Nikotinsäure. Es handelt sich dabei quasi um sehr hoch dosiertes Vitamin B3.
Während wir davon für den Tagesbedarf nur wenige Milligramm benötigen, wird es in der Fettsenkung in einem Mega-Dosis-Bereich eingesetzt. Bei Dosierungen von 500, 1000 oder mehr Milligramm hat man nämlich deutlich Fett senkende Effekte festgestellt. Dabei sinkt das LDL um etwa 10 % ab, die
Triglyceride jedoch um teilweise mehr als 30 %, während das HDL deutlich ansteigt. Bei keiner Maßnahme (ausgenommen sehr ausgiebiger Ausdauersport) wurden so gute HDL-Steigerungen wie bei der Nikotinsäure gefunden. Und es hat noch eine kleine „Nebenwirkung“: Das Lp(a) sinkt unter Nikotinsäure im Durchschnitt um etwa 20 % ab, was bisher auch für keine andere Maßnahme gesichert werden konnte. Die Nikotinsäure gehört zu den vier klassischen und schulmedizinisch anerkannten medikamentösen
Fettsenkern. In Deutschland wird es – im Gegensatz zu  den USA – immer noch recht wenig verordnet, was einerseits damit zusammenhängen mag, dass es sich im Prinzip um ein Vitamin handelt (deutsche Ärzte haben meist Vorurteile gegen Vitamine), andererseits kann es bei falscher Dosierung zu harmlosen, aber unangenehmen Nebenwirkungen kommen (s.u.). 

Einsatzgebiete von Nikotinsäure 

Nikotinsäure ist möglicherweise nicht die erste Wahl, aber in folgenden Fällen sollten Sie unbedingt daran denken: 

►  Wenn andere Fettsenker wie Statine nicht vertragen werden und eine Fettsenkung durch eine entsprechende Lebensweise nicht ausreicht, ist die Nikotinsäure eine gute Alternative.

►  Wenn die Triglyceride besonders erhöht sind und das Cholesterin nur leicht, sollte an die Nikotinsäure gedacht werden.

►  Wenn das HDL trotz aller, möglicherweise auch medikamentösen Maßnahmen zu niedrig ist, kann Nikotinsäure entscheidend helfen.

►  Wenn trotz Einsatz von Statinen nur eine unzureichende Fettsenkung erreicht wird, kann die Kombination mit Nikotinsäure den Durchbruch erzielen. Mittlerweile konnte belegt werden, dass unter dieser Kombination die Lebenserwartung von Herzpatienten gegenüber der alleinigen Behandlung signifikant ansteigt. Ja, es konnte sogar eine Regression, also eine Rückbildung, von Gefäßverengungen beobachtet werden.

►  Wenn neben den erhöhten Fettwerten auch noch das Lp(a) erhöht ist, lohnt sich ein Versuch mit Nikotinsäure, um auch diesen, das Risiko potenzierenden Faktor positiv zu beeinflussen. 

Nikotinsäure - Nicht ganz ohne Nebenwirkungen 

Nikotinsäure ist relativ gut verträglich und nebenwirkungsarm. Die unangenehmste Nebenwirkung besteht in einer deutlichen Gefäßerweiterung, was ja eigentlich gar nicht so schlecht wäre. Es kann jedoch zu einem deutlichen Flush kommen. Ein Flush ist eine Rötung der Haut, besonders des Gesichtes, und ein damit verbundenes Wärmegefühl. Dies kann sich bis zu brennenden und stechenden Schmerzen steigern. Man kann aber etwas dagegen tun: 

►  Es gibt heute Verzögerungspräparate, die den Wirkstoff so langsam freisetzen, dass diese Nebenwirkung viel geringer ausfällt.

►  Die Dosis sollte alle ein bis zwei Wochen um eine Dosisstufe gesteigert werden, so dass der Körper sich langsam daran gewöhnt.

►  Patienten sollten das Präparat abends einnehmen, damit die Nebenwirkung nachts im Schlaf auftritt und gar nicht bemerkt wird.

►  Patienten können es abends zusammen mit ASS 100 einnehmen. Viele Patienten mit Fettstoffwechselstörungen nehmen ohnehin ASS ein. Wenn ASS zusammen mit Nikotinsäure (oder besser noch ein bis zwei Stunden vorher) eingenommen wird, mindert dies die Nebenwirkungen

Wenn diese Maßnahmen berücksichtigt werden, kann fast jeder eine Dosis von Nikotinsäure einnehmen, die seine Fette günstig beeinflusst, ohne unakzeptable Nebenwirkungen zu verursachen. Ein Beispiel für ein Nikotinsäurepräparat ist Niaspan®. Dieses gibt es in den Dosierungen 375, 500, 750 und 1000 mg, so dass es langsam gesteigert werden kann.

Nikotinsäure

Wirkweise: Nikotinsäure hemmt im Fettgewebe den Abbau der Fette zu Fettsäuren, in der Leber werden weniger Fett-Eiweiße gebildet, die Aufnahme von Fetten in die Zellen wird beschleunigt, Nikotinsäure senkt auch Lipoprotein(a) um etwa 20 %, Cholesterinsenkungen bis zu 25 % möglich, Triglyceridsenkungen bis zu 50 %, HDL-Anstiege bis zu 15 %, es wirkt nur bei sehr hohen Dosen

Gegenanzeigen: akute Herz-Kreislauf-Schwäche, Vorsicht bei Herzmuskelschwäche, schwere Leber- oder Nierenfunktionsstörungen, Magen-Darm-Geschwür, akute Blutungen, Gicht, Schwangerschaft, Stillzeit, bei gleichzeitiger Einnahme von Statinen strenge ärztliche Beobachtung

Nebenwirkungen: Hautrötung, Kribbeln, Jucken, Hauttrockenheit, Verhornung der Haut, leichte Verschlechterung der Blutzuckereinstellung möglich, Harnsäureanstieg, Magen-Darm-Beschwerden

Vorteile: Nebenwirkungen meist harmlos und vorübergehend (siehe Kap. Orthomolekulare Medizin), in Verbindung mit Statinen wurden Rückbildungen von Gefäßverengungen und eine deutlich verbesserte Überlebensrate beobachtet, bestes HDL-steigerndes Medikament

Nachteile: Einnahme mehrmals täglich (außer bei retardiert wirkender Nikotinsäure), langsame Steigerung der Dosis über mehrere Wochen

Präparatebeispiele: Niaspan®, Complamin® spezial, Nicolip®

Teile dieses Artikels stammen aus dem Buch: Schmiedel, V. "Cholesterin - 99 verblüffende Tatsachen" - Stuttgart, Trias 2006. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung.

Cholesterin – 99 verblüffende Tatsachen

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 © Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand).

Animationen animierte Augen

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Aktualisiert: Februar 2010

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