Diagnostik ist doch immer gut. Wir erhalten in jedem Fall Informationen, die uns weiterhelfen. Wenn der Befund negativ ist, dann freuen wir uns, dass nichts gefunden wurde (schon merkwürdig, dass etwas Negatives eigentlich etwas Positives darstellt). Wenn der Befund hingegen positiv ist, dann haben wir eine Krankheit/Störung/Anormalität gefunden, die wir dann rechtzeitig behandeln können, um größeren Schaden abzuwenden. So die graue Theorie! Leider schaut es in der Realität nicht so positiv aus. Unabhängig von den Kosten, die bei vielen diagnostischen Maßnahmen eigentlich auch eine Kosten-Nutzen-Analyse zur Folge haben müsste, kann Über-Diagnostik mitunter physischen und psychischen Schaden stiften. Einige Beispiele für Überdiagnostik wurden bereits in meinen früheren Artikeln abgehandelt:
Röntgendiagnostik: http://www.1-habichtswald-klinik.de/roentgen/
Heute wollen wir uns einmal einige Untersuchungen in der Krebsvorsorge ansehen. Schon der Begriff der „Vorsorgeuntersuchung“ ist zumindest fragwürdig. Unter einer „Vorsorge“ verstehen wir doch eigentlich so etwas wie eine Vorbeugung. Korrekt müsste es aber „Krebsfrüherkennung“ heißen. Kein einziger Krebsfall wird durch die Krebsvorsorge vermieden. Im günstigsten Fall wird der Tumor dadurch so rechtzeitig entdeckt, dass er früh genug behandelt werden kann, um das Leben zu retten. Im ungünstigsten Fall erfährt der Patient früher von seiner Erkrankung, muss sich mehr Behandlungen unterziehen, hat längere Zeit die Kenntnis der Erkrankung und durch die Behandlungen eine verminderte Lebensqualität – und stirbt trotzdem. Gerade
Früherkennungsmaßnahmen müssen sich daher einer Nutzen-Risiko-Analyse
unterziehen, um zu unterscheiden, ob sie mehr nutzen als schaden. Und dies ist
bisher in den wenigsten Fällen eindeutig geklärt – und wenn dann oft zuungunsten
der Früherkennungsmaßnahme. In vielen Fällen muss man aber eingestehen, dass es
nicht ganz klar ist, ob der Einzelne profitiert. Hier sollte jeder wenigstens genügend Informationen an die Hand bekommen, um selbst entscheiden zu
können, ob er das Risiko auf sich nehmen möchte, die Vorsorge nicht wahrzunehmen
und damit einen
Schauen wir uns doch einmal einige der Krebsvorsorge/früherkennungsmaßnahmen an: Die Mammographie – Mythos und Wirklichkeit einer zweifelhaften Vorsorgemaßnahme Die gute Nachricht: Für die Mammographie gibt es eine sehr solide Meta-Analyse (Übersicht und Zusammenfassung verschiedener Studien zu einer Fragestellung, Gøtzsche PC, Nielsen M: Screening for breast cancer with mammography. Cochrane Database Syst Rev, 2006 Oct 18: CD001877), die belegt, dass Frauen, die daran teilnehmen, weniger oft an Brustkrebs sterben. Die Deutsche Krebshilfe wirbt dann auch damit, dass Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren bei Teilnahme an diesem Programm eine bis zu 30 % geringere Brustkrebssterblichkeit aufweisen. Das ist doch mal ein Wort! Schaut
man sich die Arbeit jedoch einmal genauer an, findet man aber ganz andere
Zahlen. Die Forscher haben sieben große Studien zur Mammographie gefunden, die
zusammen eine halbe Million Frauen eingeschlossen hatten. Eine Studie wurde aus
methodischen Gründen ausgeschlossen. Vier Studien – allerdings mit suboptimaler
Qualität - ergaben ein relatives Risiko für Frauen mit Mammographie von 0,75. Das
heißt, dass Frauen ohne Mammographie ein von 0,75 auf 1,00 gesteigertes, also
ein 30 % höheres Risiko aufweisen, am
Aber es kommt noch schlimmer: Es wird nämlich verschwiegen, dass es in der Meta-Analyse von Gøtzsche und Nielsen zwei Studien gab – und das auch noch die beiden mit der besten Qualität -, die keinen statistisch signifikanten Vorteil für die Mammographie ergaben!
Die
Zahlen reichen aber leider immer noch nicht für eine adäquate Bewertung aus. Was
verstehen wir denn eigentlich unter einer solchen Risikominderung von 25 %? Die
meisten glauben sicherlich, wenn 2000 Frauen am Programm teilnehmen, dass dann
25 %, also 500 weniger an
Wenn
2000 Frauen regelmäßig 10 Jahre lang (!) am Mammographie-Screening teilnehmen,
dann sterben 3 Frauen an
Diesem fraglos vorhandenen Benefit stehen aber einige Kosten/Risiken/Schäden gegenüber, die in die Gesamtkalkulation für die Versichertengemeinschaft und das einzelne Individuum einzuberechnen sind: Ø Die Kosten pro Mammographie belaufen sich auf 57 € - und diese sind in 10 Jahren mehrfach fällig. Dazu kommen noch die Kosten für daraus resultierende unnötige weitere Diagnostik, wenn fälschlicherweise ein Brustkrebsverdacht erhoben wurde. Kritiker behaupten, dass die Lobby der Mammographie-Gerätehersteller und der diagnostizierenden Ärzte maßgeblich auf die Gesundheitspolitik eingewirkt haben, um die Mammographie-Empfehlungen durchzubringen. Ø Die Untersuchung ist leider nicht objektiv. Von der technischen Seite ist sie es sehr wohl. Wenn an verschiedenen Geräten bei derselben Frau dieselben technischen Parameter eingegeben werden, dann erhält man sehr gut vergleichbare Ergebnisse. Entscheidend ist aber die Interpretation durch den Untersucher. Stichprobenvergleiche haben hier ergeben, dass bei ein und derselben Mammographie verschiedene Ärzte häufig zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Die Erfahrung und die Qualität der Untersucher spielen hier eine ganz große Rolle. Leider ist die Mammographie sehr subjektiv und großen Fehlern bei der Interpretation unterworfen. Ø Daraus ergibt sich dann auch die hohe Rate an falsch positiven Befunden. Wenn 2000 Frauen zehn Jahre lang regelmäßig am Screening teilnehmen, dann kommt es bei 200 (!) Frauen mindestens einmal zu einem falsch positiven Befund, d.h. es wird der Verdacht auf einen Krebs gestellt, der weitere Untersuchungen nach sich zieht, die in den meisten Fällen zu einer Entwarnung führt. Welche körperlichen und seelischen Belastungen dies für die betroffenen Frauen bedeutet, braucht wohl nicht erwähnt zu werden.
Ø
Aber bei
immerhin 10 von den 200 verdächtigen der 2000 untersuchten Frauen gibt es keine
Entwarnung durch weitere Diagnostik. Diese müssen sich einer Krebsbehandlung
unterziehen – und das obwohl gar kein
Ø Nebenbei: Die Brustkrebssterblichkeit der 2000 Frauen ist zwar ganz, ganz geringfügig vermindert – nämlich um 0,05 % (diese Zahl wird von der Krebshilfe nicht genannt)! Die Gesamtsterblichkeit verändert sich jedoch nicht statistisch signifikant. Ø Eine Mammographie weist dieselbe Strahlenbelastung wie 25 (!) Röntgenaufnahmen des Brustkorbes auf – und das bei jeder einzelnen Mammographie, die im Rahmen des Screenings aber immer wieder durchgeführt werden (Vogl TJ: Aktueller Standpunkt zur Srahlenexposition in der Diagnostischen Radiologie. Hess. Ärztebl, 3/2009, 160-166). Wie viele Krebserkrankungen schließlich aus dieser zusätzlichen Strahlenbelastung resultieren, ist völlig unbekannt. Eine Studie, die dies erforscht, wird es nicht geben, da diese unglaublich aufwändig wäre. Mehrere Tausend Frauen müssten im randomisierten Versuch (die eine Hälfte erhält Mammographien, die andere nicht) mehrere Jahrzehnte betreut werden, um herauszufinden, ob in der Mammographiegruppe dann irgendwann mehr Krebsfälle auftreten. Damit
wir uns nicht falsch verstehen: Wenn jetzt der Eindruck entstanden sein sollte,
ich sei ein entschiedener Gegner des Mammographie-Screenings, dann möchte ich
dem an dieser Stelle klar widersprechen. Ich bin nicht Gegner des Screenings,
sondern einer durch nichts begründeten Verherrlichung desselben. Ich bin Gegner
derjenigen unkritischen Befürworter des Screenings, die sich als Retter der von
Krebsvorsorge - Welche Rolle spielt die Politik? Aber darum geht es in der Gesundheitspolitik ja gar nicht. Es geht darum, was beim Wähler gut ankommt. Mehr als 50.000 Frauen erkranken jedes Jahr neu an Brustkrebs. Viele Millionen haben große Angst davor. Da muss doch etwas getan werden. „Ein schlechtes Screening ist doch immer noch besser als gar kein Screening.“ mögen sich die Entscheidungsträger in Politik und Kassen gedacht haben. Wer da in die Suppe spuckt, ist ein Spielverderber, auch wenn er gute Argumente auf seiner Seite weiß. Das schnelle Durchpeitschen trotz berechtigter Bedenken einiger Fachleute entspricht dem blinden Aktionismus, den wir in Politik, Wirtschaft und Politik so oft beobachten. Wer dagegen argumentiert, handelt politisch unkorrekt, weil er doch den „armen Frauen“ eine für sie wichtige Diagnostik vorenthält. Ich bin allerdings der Meinung, dass man den „armen Frauen“ wichtige Argumente vorenthält, die sie für eine eigenverantwortliche Entscheidung eigentlich benötigen würden. Über Vor- und Nachtteile alternativer Bild gebender Verfahren wie Ultraschall oder MRT werden sie schon gar nicht aufgeklärt. Noch
einmal: Ich bin nicht prinzipiell gegen die Mammographie als Screeningverfahren.
Sind beispielsweise in der Familie einer Frau mehrere Brustkrebsfälle
aufgetreten, hat die Frau mehrere Jahre lang in den Wechseljahren
Eine
normalgewichtige Frau hingegen, die weniger als einen Drink
Alkohol pro Tag zu
sich nimmt, die nicht raucht und seit der Jugend regelmäßig Sport betrieben hat,
weist ein im Vergleich zur Durchschnittsfrau deutlich verringertes Risiko für
einen
Epidemiologische Studien haben ergeben, dass Frauen mit einer guten
Krebsvorsorge - Unnötige Hysterie durch Tumormarker Zum
Abschluss noch ein Fallbeispiel: Eine meine ambulanten Patientinnen kam ganz
aufgelöst zu mir. Ihre Gynäkologin hatte bei ihr (zur Sicherheit!) Tumormarker
für
Der Tumormarker hätte bei der Patientin niemals bestimmt werden dürfen, da Tumormarker als Screening mehr Schaden als Nutzen anrichten (das ist übrigens auch die anerkannte Lehrmeinung der Fachgesellschaften). Ausnahmen: In der Verlaufskontrolle bei stattgehabter Krebserkrankung haben die Tumormarker schon einen Sinn. Und bei der PSA-Bestimmung bei älteren Männern zur Früherkennung von Prostatakrebs streiten sich die Gelehrten noch. Unter bestimmten Bedingungen könnte hier ein gewisser Nutzen vorliegen. Zurück
zu unserer bedauernswerten „Fast-Krebspatientin“: Sie hat sich inzwischen selbst
im Internet schlau gemacht und dabei erfahren, dass sie unter einer chronischen
Krankheit leidet, bei der der Brustkrebstumormarker praktisch immer positiv ist
– für die Vorhersage eines
In
einem der nächsten Newsletter sollen die Tumormarker thematisiert werden – da
werden dann die Männer ( Hier noch ein Nachschlag vom April 2010 Vor kurzem wurden Ergebnisse der EVA-Studie bekannt (Journal of Clinical Oncology, doi: 10.1200/JCO.2009.23.0839). In dieser Studie wurden zwischen 2002 und 2007 insgesamt 687 Frauen mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko jährlich mittels Magnetresonanztomografie (MRT), Mammografie und Ultraschall untersucht. Bei 27 dieser Frauen wurde ein Krebs oder eine Vorstufe entdeckt. Die aufwändige und teure MRT entdeckte dabei immerhin 93% aller Erkrankungen. Der preiswerte und nebenwirkungsfreie Ultraschall kam immerhin noch auf 37%. Die Mammografie mit ihrer nicht ganz unerheblichen Strahlenbelastung landete mit kläglichen 33% auf dem letzten Platz. Dies unterstreicht die Vermutung, dass gerade mit der Mammografie den Frauen das schlechteste aller Screeningverfahren angeboten wird. So geht es halt, wenn Entscheidungen nicht durch unabhängigen medizinischen Sachverstand erfolgen, sondern wenn Politiker etwas mit der heißen Nadel gestrickt aus dem Hut hervorzaubern, damit rasche „Erfolge“ aufgezeigt werden können („Wir tun jetzt endlich etwas für die Frauen!“). Nochmals nachträglich Danke dafür an Frau Ulla Schmidt und ihre tollen Berater! Wir werden sehen, was Dr. Rösler damit anfängt. Er ist ja immerhin als Tiger abgesprungen. Ob er auch als solcher landet oder doch nur als Bettvorleger, bleibt noch abzuwarten…
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten stehe ich Ihnen im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in der naturkundlichen Privatambulanz. Alle notwendigen Laboruntersuchungen können in der Inneren Abteilung der Habichtswaldklinik oder der Naturheilkundlichen Privatambulanz durchgeführt werden.
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Die
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