Tabuthema „Depressionen“
Robert Enke war nicht nur ein begnadeter Torwart, der mit spektakulären Paraden das Herz aller Fußballfreunde erobert hatte und einer der Favoriten für die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika gewesen war (und die deutsche Mannschaft vielleicht sogar zum Titel geführt hätte). Im Gegensatz zu manch anderen Fußballspielern, die sehr polarisieren und fanatische Anhänger, aber auch entschiedene Gegner haben, war Robert Enke stets bei „Freund und Feind“ gleichermaßen beliebt gewesen. Er war ein großartiger Sportler, aber auch ein Mensch, dem mein größter Respekt gilt. Mehr noch als seine tollen Paraden im Tor hat sich eine Szene in mein Gedächtnis gebrannt: Als es vor einigen Monaten bei einem Spiel Zuschauertumulte gab, ist Enke aus seinem Tor zur Tribüne gestürmt, hat als Einziger vermittelnd auf die Fans eingeredet, die aufgebrachten Massen beruhigt und so weit Schlimmeres verhindert. Er war eben nicht nur ein engagierter Sportler, sondern auch ein couragierter Mensch. Sein Tod bedeutet einen unersetzlichen Verlust für die Fußballwelt, aber auch für unsere Gemeinschaft
Sein tragischer Tod wirft daher viele Fragen auf: Wie kann es sein, dass ein so erfolgreicher Sportler und beliebter Mensch so depressiv ist, dass er glaubt, sein Leben beenden zu müssen? Hätten Angehörige, Ärzte, Verein dies nicht verhindern können, ja sogar müssen? Welche Rolle spielen die nach Leistung und Erfolgen gierenden Fans, Vereinsvorstände und die Medien? Wenn Robert Enkes Tod einen Sinn hatte, dann den, dass dringend notwendige Diskussionen angestoßen werden. Vielleicht kann dadurch manchen Menschen zukünftig schneller und besser geholfen werden. In den Diskussionen, die ich bisher in den Medien verfolgen konnte, tauchten einige Aspekte auf, die nicht unkommentiert bleiben sollen. Ø Der Leistungssport ist oft unmenschlich hart. Er betrachtet den Sportler nicht als Menschen, sondern als Ware, die es wirtschaftlich auszubeuten gilt. An diesem System müssen Menschen ja zerbrechen. Ø Robert Enke selbst hat seine Krankheit vor der Öffentlichkeit so gut verheimlicht, wie er nur konnte. Wären er, seine Angehörigen und seine Ärzte offensiver damit umgegangen, hätte er gerettet werden können. Ø Wir müssen Depressionen früher erkennen und besser behandeln. Die erste These ist im Allgemeinen ebenso richtig, wie sie im Besonderen bei Robert Enke falsch ist. Enke ist eben gerade nicht an dem System zerbrochen. Er war kein Spieler aus der zweiten oder dritten Reihe, der um seinen Stammplatz und seine wirtschaftliche Existenz bangen musste. Er stand ganz weit oben an der Spitze und musste sich finanziell oder sportlich keine Sorgen machen. Wäre er durch einige Torwartfehler in der letzten Zeit negativ aufgefallen, wäre er dadurch in die Kritik der Fans und unter den Beschuss der Medien geraten – und beides kann brutal sein, wie manche Spieler und Trainer immer wieder erfahren mussten -, dann hätte man seine Tat als Reaktion auf solche unangenehmen Erlebnisse begreifen können. All dies war aber nicht der Fall. Noch wenige Tage vor seinem Suizid hat er im Tor von Hannover 96 eine tadellose Leistung abgeliefert. Auch wenn er wegen Krankheiten in der jüngsten Vergangenheit nicht zum Aufgebot für das nächste Länderspiel stand, gehörte er für Nationaltrainer Löw zum engsten Favoritenkreis für die WM. Und nachdem, was man im Fernsehen verfolgen konnte, stand seine Frau uneingeschränkt hinter ihm und unterstützte ihn, so gut es nur ging. Robert Enke litt eben nicht an einer reaktiven Depression, die nach schlimmen Lebensereignissen wie Trauerfällen (er ist auch nicht am Tod seiner kleinen Tochter vor wenigen Jahren zerbrochen), Trennung oder Arbeitsplatzverlust einsetzt und für jeden gesunden Menschen nachvollziehbar und irgendwo verständlich ist. So wie es von außen betrachtet den Anschein hat, handelte es sich wohl um eine endogene Depression, also um eine Schwermut, die gerade keine äußeren Ursachen hat, sondern von „innen“ kommt. Die Ursachen sind letztlich ungeklärt. Nach allem, was die medizinische Wissenschaft heute weiß, handelt es sich dabei keineswegs um eine psychische Erkrankung, wie man aufgrund der seelischen Symptome annehmen würde, sondern vielmehr um eine somatische, also eine körperliche Erkrankung!
Bekannt ist, dass der Nervenstoffwechsel bei einer endogenen Depression
massiv gestört ist. Bestimmte Botenstoffe wie
Daher ist auch die zweite These ebenso falsch wie richtig. Ja, Robert Enke hat seine Krankheit vor der Öffentlichkeit verheimlicht. Nein, ein offensiver Umgang mit der Erkrankung hätte ihm (vermutlich) nicht geholfen. Vor einigen Jahren gab es einen Fußballspieler beim damaligen Zweitligisten Mainz 05, der einer der besten und beliebtesten Spieler war. Er litt an derselben Erkrankung. Er ist sehr offensiv damit umgegangen. Angehörige, Mannschaftskameraden und Vereinsführung wussten um seine Probleme und unterstützten ihn nach Kräften. Er war mehrfach in stationärer und ambulanter Psychotherapie gewesen. Trotzdem hat er sich – wie Robert Enke – vor den Zug geworfen. Manchmal wählen Menschen Suizidmethoden, bei denen eine hohe Chance besteht, dass sie gefunden und gerettet werden, z.B. die Einnahme von Schlaftabletten oder das Aufschneiden an den Handgelenken, ohne dabei die Handarterie zu verletzen, was zwar zu einem Blutbad, aber eben nicht zum Verbluten führt. Solche demonstrativen Suizidversuche stellen oft einen verzweifelten Schrei nach Hilfe dar. Nach begangener Tat kann dieser Schrei von der Umgebung beantwortet und Hilfe zuteil werden. Eine solche Tat war also „erfolglos“, aber keineswegs vergeblich. Anders im Fall der Suizide bei einer endogenen Depression. Hier wählen die kranken Menschen oft „todsichere“ Methoden (im wahrsten Sinne des Wortes) wie den Sprung aus großer Höhe oder eben die Eisenbahn. Ein offensiver Umgang mit Depressionen – egal ob reaktiv oder endogen – ist ganz bestimmt richtig. Er hätte Robert Enke sicher nicht geschadet. Ich glaube nicht, dass Vereinsführung, Fans oder Medien ihn deswegen hätten fallen lassen. Ich bezweifle aber, dass er seinen Tod hätte verhindern können. Unsere Gesellschaft muss sich allerdings vorwerfen lassen, warum nicht schon beim Tode des Zweitligaspielers eine entsprechende Diskussion angestoßen wurde – aber da hat es ja „nur“ einen kleinen, relativ unbekannten Zweitligaspieler betroffen. Warum wachen wir eigentlich immer erst auf, wenn es einen „Promi“ erwischt hat?
Und damit kommen wir zur letzten These, der ganz bestimmt
uneingeschränkt zuzustimmen ist. Ja, wir müssen Depressionen – gleich
welcher Art – früher erkennen und behandeln. Patienten, Angehörige und
Ärzte müssen sich auch darüber im Klaren sein, um welche Art von
Depression es sich handelt. Eine endogene und eine reaktive Depression
haben dabei ungefähr soviel miteinander zu tun wie eine
Die schulmedizinische Therapie der endogenen Depression besteht dabei in der Verordnung von Psychopharmaka, die dem Mangel an bestimmten Botenstoffen im Gehirn entgegenwirkt. Psychotherapie schadet hier vermutlich nicht, nutzt aber auch wenig und kann die Krankheit keinesfalls heilen. Hier ist nicht der Psychologe, sondern der Psychiater gefragt! Wenn hier jemand eine stützende Psychotherapie braucht, dann in erster Linie die Angehörigen des Patienten.
Bei den
Damit möchte ich die Therapie mit Psychopharmaka keineswegs verdammen. Bei schweren Depressionen sind diese zweifellos weiter gerechtfertigt. Aber Ärzte sollten sehr verantwortungsbewusst damit umgehen, die Indikation und guter Risiko-Nutzen-Abwägung stellen und die Therapie besonders sorgfältig überwachen. In leichteren und mittelstarken Fällen sollten erst einmal andere, nebenwirkungsarme Verfahren versucht werden. In vielen Fällen sind diese schon ausreichend. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich behaupte nicht, dass mit den unten aufgeführten Tipps Robert Enke hätte gerettet werden können. Viele Patienten werden aber bereits damit so gut auskommen, dass sie „härtere Geschütze“ gar nicht mehr benötigen. Und nochmals der ausdrückliche Hinweis: Eine schwere, eine endogene Depression gehört in psychiatrische Behandlung! Nun aber zu den naturheilkundlichen Tipps
Johanniskraut – nicht nur schön anzusehen, sondern auch heilsam Kaum eine Heilpflanze ist evidenzbasiert so gut erforscht wie das Johanniskraut bei Depressionen. In mehreren kontrollierten, randomisierten Doppelblindstudien konnte gezeigt wiederholt werden, dass das Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren Depressionen wirksamer als Placebo ist und den konventionellen Psychopharmaka absolut gleichwertig ist – zumindest was die Beeinflussung der Depression angeht, bei den Nebenwirkungen ist das Johanniskraut den Psychopharmaka hingegen weit überlegen.
Wenn man sich für eine Johanniskrauttherapie entscheidet, dann sollte
man hoch genug dosieren. Die Tagesdosis sollte dabei mindestens 900 mg
Extrakt enthalten. Es wird immer wieder vor erhöhter Photosensitivität
der Haut durch Johanniskraut gewarnt, auch im Beipackzettel ist dies
erwähnt. In der Neuro-Depesche 7-8/2009, S. 9 (Johanniskraut – Risiko
Sonnenstrahlen?), nahm hierzu Prof. Theodor Dingermann vom Institut für
Pharmazeutische Biologie der Universität Frankfurt/Main Stellung: „Nach
der aktuellen Datenlage lasse sich diese Behauptung keinesfalls aufrecht
erhalten…Derzeit sind nahezu 300 synthetische Arzneimittel mit solchen
Eigenschaften auf dem deutschen Markt aufgelistet, unter anderem
Entwarnung also für die Sonne! Keine Entwarnung gibt es allerdings bei
den Wechselwirkungen zwischen Johanniskraut und bestimmten
Ø
Digoxin (Herzmittel) Hier sollte – wenn überhaupt – das Johanniskraut nur nach ärztlicher Rücksprache eingesetzt werden.
Das
Vitamin B12 brauchen wir überall dort, wo Zellen geteilt werden, besonders bei der Blutbildung. Finden wir relativ wenige, aber dafür recht große rote Blutkörperchen (erkennbar an einem hohen MCV-Wert im Blutbild), so lenkt dies bereits den Verdacht auf eine suboptimale Vitamin B12-Versorgung. Die Vitamin B12-Bestimmung im Serum ist leider nicht sehr hilfreich, da Werte im unteren Normbereich durchaus mit einer suboptimalen Versorgung vereinbar sind. Viel genauer ist hier die neue Holotranscobalaminbestimmung. Ist dieser Wert pathologisch, sollte unbedingt mit Vitamin B12 therapiert werden bis der Wert wieder normal ist.
Gerade bei Depressionen, die auf die üblichen Maßnahmen nicht
ansprechen, kann die Gabe von
Bei einigen Risikogruppen ist besonders an das
Ø
Veganer (nach einigen
Jahren veganer Diät hat praktisch jeder einen Vitamin B12-Mangel)
Dass Serotonin unser psychisches Wohlbefinden beeinflusst ist heute nicht nur Biochemikern bekannt. Die wichtigsten und einfachsten Faktoren zur Erhöhung des Serotoninspiegels sind:
Ø
Sport im Ausdauerbereich (sportlich
aktive Menschen werden nur halb so häufig depressiv)
Diese Vorstufen müssen allerdings erst in
Depressionen – kein Platz für Resignation Wir sehen also: Die Naturheilkunde hat viele Pfeile im Köcher. Manchmal trifft schon ein einziger Pfeil (z.B. ein gutes Johanniskrautpräparat). Manchmal muss das ganze Arsenal abgeschossen werden. Korrekterweise muss ich darauf hinweisen, dass eine schwere oder eine endogene Depression auch unter Ausschöpfung aller beschriebenen Maßnahmen nicht immer befriedigend zu behandeln ist. Dann darf nicht zu lange gewartet werden, bis eine gut überwachte psychiatrische Behandlung begonnen wird. Für eine Stigmatisierung einer Depression gibt es überhaupt keinen Grund. Warum sollte der Manager, der jahrelang über seine Kräfte geschuftet, viel geraucht und sich schlecht ernährt hat, bewundert werden, weil ihm Herzchirurgen fünf Bypässe eingepflanzt haben, aber der Depressive, der an seiner Krankheit keine Schuld trägt, wird ins Abseits gestellt. Patienten – so sie noch in der Lage dazu sind -, Angehörige, Ärzte und vor allem die Gesellschaft sollten ihre Haltung zu dieser Krankheit überdenken und dieser vorurteilsfrei begegnen. Wenn Robert Enke dazu einen Beitrag geleistet hat, dann war sein tragischer Tod nicht umsonst. Im Andenken an Robert Enke und alle unbekannten Depressiven grüßt Sie herzlichst Ihr
P.S.: Bleiben wir beim Fußball: Zum Schluss noch ein aufmunterndes Zitat des ehemaligen Bundesligatrainers Dragoslav Stepanovic: „Lebbe geht weider!“ In diesem Sinne kommen Sie bitte gut durch die Wirtschaftskrise und die dunkle Jahreszeit!
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten stehe ich Ihnen im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in der naturkundlichen Privatambulanz. Alle notwendigen Laboruntersuchungen können in der Inneren Abteilung der Habichtswaldklinik oder der Naturheilkundlichen Privatambulanz durchgeführt werden. Informationen über das Therapieangebot der Inneren Abteilung:
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