Ganzheitliche Behandlung der
Fibromyalgie Teil 3 - Kasuistik - Wenn die Muskeln unerträglich schmerzen…
Ganzheitliche Behandlung der Fibromyalgie
Nicht nur Fibromyalgie allein Frau G. kam im Mai 2009 zur stationären Rehabilitation in die Klinik. Neben der Einweisungsdiagnose Fibromyalgie lagen noch die Diagnosen HWS-Syndrom, anamnestisch Bandscheibenvorfälle C3-7, rezidivierender, vermutlich vertebragener Schwindel und Obstipationsneigung vor. Sozialanamnese: 43 jährige Beamtin, verheiratet, drei Kinder Vegetative Anamnese: Durchschlafstörungen, Stuhlgang regelmäßig, aber hart, kein Alkohol, kein Nikotin, ein Becher Kaffee täglich Aktuelle Anamnese: Fast täglich Schmerzen im Bereich der HWS, ausstrahlend in Kopf, Nacken und Schultern, zeitweise Parästhesien im rechten Arm bis in die Finger, gelegentlich Schwindel. Von Seiten der Fibromyalgie beklagt die Patientin Schmerzen an den Muskelansätzen besonders im Bereich der oberen Extremitäten. Anamnestisch Besserung durch Akupunktur und Osteopathie. Zum Zeitpunkt der stationären Einweisung erfolgte regelmäßig Einzelkrankengymnastik, die Patientin trainierte darüber hinaus (Pilates-Training).
Medikation bei Aufnahme:
Venlafaxin (Trevilor®) 37.5 mg morgens, Doxepin 12,5 mg abends, Flupirtin
(Katadolon Trotz dieser Medikation gab Frau G. auf der zehnteiligen analogen Schmerzskala eine durchschnittliche Schmerzintensität von 6 an, die Schmerzen waren also mindestens mäßig stark ausgeprägt, die Lebensqualität hierdurch fraglos deutlich beeinträchtigt. Ihre Ziele bei Beginn der stationären Therapie waren ein besserer Umgang mit den Schmerzen, körperliche Erholung und seelische Stabilisierung. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass Frau G. sich noch nicht einmal weniger Schmerzen, sondern lediglich einen besseren Umgang damit wünschte. Die Hoffnung auf Linderung oder gar Beseitigung ihrer Schmerzen hatte die Patientin also offensichtlich schon aufgegeben – ein resignatives Verhalten, wie es häufig bei chronischen Schmerzpatienten nach zahlreichen frustranen Therapieversuchen anzutreffen ist.
Pathologische Befunde bei Aufnahme:
stark verspannte paravertebrale Muskulatur, deutlicher Druckschmerz im
Bereich von HWS, BWS und beiden ISG, stark verspannte und druckdolente
Schulter-Nacken-Muskulatur. Labor bis auf eine leicht erhöhte y-GT (48 IU/l,
medikamentenbedingt?) unauffällig. Die Patientin war normalgewichtig, so dass
ein
Das veranlasste orthopädische Konsil ergab: ausgeprägter Druckschmerz über beiden ISG, Laségue negativ (=klinisches Zeichen für einen Dehnungsschmerz), Rotationsschmerz im Bereich der unteren LWS, gut bewegliche LWS, eingeschränkte HWS-Beweglichkeit (nach rechts ab 50° schmerzhaft eingeschränkt, links bis 70 ° möglich, erheblicher Facettendruckschmerz bei C2/3 und C5/6 rechts, zurzeit keine motorischen oder sensiblen Ausfälle, Druckschmerz an den für Fibromyalgie typischen Ansätzen, besonders am Epicondylus radialis und ulnaris, Deltamuskelansatz, Trapezius, Sternokostalgelenk und Pes anserinus jeweils bds. (= Sehnenansätze der Armmuskeln, Muskelansätze, Trapezmuskel im oberen Schulterbereich, Gelenke zwischen Brustbein und Rippen, Sehnenstruktur auf der Innenseite der Unterschenkel)
Nach einem ganzheitlichen Ansatz sollten komplexe Erkrankungen auch mit einem komplexen Behandlungskonzept therapiert werden. Eine einzige Panacée (= ein Allheilmittel) ist hier nicht zu erwarten. Auf der körperlichen Seite stand bei Frau G. die Einzelkrankengymnastik im Vordergrund. Nach einer ausführlichen Befunderhebung wird dabei ein individuelles Behandlungskonzept erstellt, welches während des vierwöchigen stationären Aufenthaltes konsequent verfolgt wurde (zweimal wöchentlich). Da die Patientin anamnestisch in der Vergangenheit gut von der Osteopathie profitiert hatte, wurde in die Krankengymnastik auch eine Craniosakraltherapie integriert. Gerade bei chronischen, therapieresistenten Beschwerdebildern sehen wir mit dieser Kombination immer wieder frappierende Verbesserungen. Die Klinik ist mit der Kurhessen Therme verbunden. Diese bedient sich einer Sole, die aus 674 m (aus dem alten Zechsteinmeer) stammt. Bewegung der von Fibromyalgie betroffenen Muskeln zusammen mit Wärme in Form des Solebewegungsbades wirkt entspannend und entkrampfend auf die Muskeln und wird von fast allen, aber gerade von Fibromyalgiepatienten immer wieder als schmerzlindernd und wohltuend empfunden. Die Rückenschule und die HWS-Gruppengymnastik dienten primär den degenerativen Wirbelsäulenbeschwerden. Mindestens indirekt sind aber auch Auswirkungen auf die Fibromyalgie zu erwarten: Wenn der Patient Schmerzen – gleich welcher Genese – irgendwo im Bewegungsapparat verspürt, so führt dies zu Verkrampfungen auch in nicht direkt betroffenen Muskeln (muskuläre Stabilisierung, Schonhaltung). Dies wird dann aber die schon durch die Muskelverkrampfungen der Fibromyalgie bedingten Schmerzen weiter verstärken. Aufgabe einer suffizienten Fibromyalgietherapie muss es daher sein, den Teufelskreis aus „Schmerz – Verspannung – verminderte Durchblutung – verminderter Abtransport von Schmerzmediatoren – Schmerz“ überall wo irgend möglich zu durchbrechen. Bewegung ist bei vielen Krankheiten indiziert. Bei der Fibromyalgie ist sie jedoch geradezu eine conditio sine qua non (= eine unerlässliche Bedingung). Kaum ein Verfahren ist so geeignet, muskuläre Verspannung zu lockern wie eine adäquate Bewegungstherapie. Die Betonung liegt dabei auf adäquat. Statische Übungen oder Muskeltraining in der Nähe des Maximalkraftbereiches wären eher kontraproduktiv. Dynamische Übungen verbessern hingegen die Durchblutung und führen nach der Tätigkeit oft zu einem Gefühl angenehmer Entspannung. Alle Ausdauerbelastungen im aeroben Trainingsbereich (mindestens 20 Minuten bei 50-75 % der maximalen Leistung) oder Muskeltraining im Muskelausdauerbereich (z.B. 3 Sätze mit 15-20 Wiederholungen bei einer Intensität von 30-70 % der Maximalkraft, bei starken Schmerzen eher bei 30 % beginnen) sind hierunter zu subsummieren. Ein großes Problem stellt hierbei allerdings das Vermeidungsverhalten der Patienten dar. Viele Patienten mit Fibromyalgie setzen sich kaum noch Bewegungsreizen aus, weil sie eine Verschlechterung ihrer Beschwerden befürchten oder weil sie schlechte Erfahrungen gesammelt haben. Es gilt also nicht nur den oben angegebenen Teufelskreis, sondern auch noch den weiteren Teufelskreis aus „Schmerzen – Schonverhalten – Trainingsmangel – Leistungsminderung – noch mehr Schmerzen bei Bewegung“ zu durchbrechen. Neben den positiven Auswirkungen auf die Muskulatur führt richtig durchgeführte Bewegungstherapie zu nicht zu unterschätzenden psychischen Auswirkungen. Der verunsicherte und verängstigte Patient kann durch Erfolge mit körperlichen Belastungen wieder ein neues Selbstbewusstsein erlangen, welches ihn befähigt, auf dem therapeutischen Weg weiter voranzuschreiten.
Moderate Belastungen wie Walking oder Nordic Walking sind für nahezu jeden Menschen möglich. Während Walking leicht durchzuführen ist, stellt das Nordic Walking schon einige Ansprüche an die Koordination. Es reicht also keineswegs, sich einfach Stöcke zu besorgen und diese in der Landschaft herumzutragen (achten Sie einmal auf Nordic Walker: genau dieses Nordic Walking wird von den meisten praktiziert). Richtiges Nordic Walking verlangt schon eine technisch korrekte Durchführung, um den beabsichtigten Nutzen entfalten zu können. Dazu gehört insbesondere das Loslassen der Griffe zum rechten Zeitpunkt. Nebenbei: Loslassen ist ohnehin ein Problem bei Fibromyalgiepatienten. Nordic Walking – korrekt durchgeführt – steigert also nicht nur die Ausdauerleistung und spricht zahlreiche Muskelgruppen mit dynamischen Belastungen an, sondern übt auch das „Loslassen“ – im wörtlichen, wie im übertragenen Sinne.
Patienten
mit Fibromyalgie weisen überzufällig häufig auch
Darmbeschwerden
im Sinne eines
Reizdarmes auf. Wenn Malabsorptionen (z.B.
durch
Das
Erlernen eines
Entspannungsverfahren
ist bei der Fibromyalgie, die nicht nur mit Verspannungen im muskulären, sondern
auch im psychischen Bereich einhergeht, unabdingbar. Prinzipiell ist jedes
Verfahren geeignet, mit dem der Patient eine gute Entspannung erzielen kann, z.B.
Autogenes
Training,
Yoga,
Tai Chi. Bei Fibromyalgie hat sich die Eine komplexe Erkrankung wie die Fibromyalgie spielt sich selbstverständlich nicht nur im körperlichen Bereich ab. Körper und Seele sind gerade bei der Fibromyalgie vielfältigen Wechselwirkungen ausgesetzt. Seelische Anspannungen, Stress und Konflikte führen zu muskulärer Verspannung. Muskuläre Verspannungen mit reaktiven Schmerzen lassen wiederum das seelische Befinden nicht unbeeinflusst, sondern können zu depressiven Verstimmungen, Angst und Verzweiflung führen, was wiederum in einer verstärkten muskulären Anspannung resultieren kann. Beschwerden im körperlichen und im seelischen Bereich können sich so in einem selbstverstärkenden Rückkopplungsprozess potenzieren. Die Fibromyalgie ist daher eine „psycho-somatische“ Erkrankung im besten Sinne des Wortes. Sie sollte daher – nicht nur, aber auch – psychosomatisch therapiert werden. In Frage kommen sowohl psychoanalytisch orientierte als auch verhaltenstherapeutisch orientierte Ansätze. In welchen Situationen kommt es zu besonders starken Muskelverspannungen? Liegen ungelöste Konflikte zugrunde? Wann geht es dem Patienten besonders gut, wann ist er entspannt und relativ beschwerdefrei? Dies sind einige der Fragen, die bei Fibromyalgie thematisiert werden können. Bei Frau G. wurden in einer gesprächspsychotherapeutisch orientierten Psychotherapie fünf stützende und stabilisierende Gespräche geführt, da in einer drei- bis vierwöchigen stationären Rehabilitation kaum aufdeckend und konfrontierend gearbeitet werden kann. Es wurde aber immerhin offenbar, dass die Patientin weiter ambulant psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen sollte und dies auch für sich so akzeptieren kann. In einer
stationären Reha mit einigem Abstand von der lokalen ärztlichen Betreuung kann
auch die bisherige konventionelle, medikamentöse
Therapie kritisch hinterfragt werden. Frau G. gab auf Befragen an,
mit Flurpirtin etwas weniger Schmerzen zu verspüren, weder das Venlafaxin noch
das Doxepin hätten ihr aber bei den Schmerzen oder bei den
Gleichzeitig wurden Frau G. aber möglicherweise besser wirksame und hoffentlich
nebenwirkungsärmere Alternativen angeboten. Als konventionelles Medikament
erhielt sie Pregabalin (Lyrica
Bei
Entlassung gibt die Patientin ein verbessertes Schlafverhalten an. Die
Die durchschnittliche Schmerzintensität blieb weiterhin bei einem für die Patientin sehr akzeptablen Wert von 3 erhalten. Die Durchschlafstörungen verstärkten sich unter der Reduktion von L-Tryptophan allerdings wieder. Es wurde ihr daher geraten, die Dosis wieder von 500 mg auf 1500 bis 2000 mg abends zu erhöhen. Tetrazepam gegen Schlafstörungen oder muskuläre Verspannung hat sie allerdings ebenso wenig benötigt wie Macrogol gegen die Verstopfung. Frau G., die mehrere Jahre unter ihren Beschwerden gelitten hatte, war bei dem Follow up von den in vier Wochen stationärer Rehabilitation erzielten Erfolgen sowie der weiterhin anhaltenden Stabilisierung nach wie vor sehr angetan.
Bei einem polypragmatischen, ganzheitlichen Therapieansatz, wie er hier vorgestellt wurde, kann kritisch eingewendet werden, dass, kaum zu unterscheiden ist, welches oder welche der eingesetzten Verfahren oder Medikamente, entscheidend zum erzielten Therapieerfolg beigetragen haben. Diese Kritik ist prinzipiell berechtigt, interessiert aber den betroffenen Patienten kaum. Für ihn ist allein entscheidend, dass mit einem stimmigen Gesamtkonzept, in dem sich die einzelnen Komponenten synergistisch ergänzen, zunächst einmal eine deutlich spürbare Verbesserung seiner Symptomatik ergibt. Wenn dieser Erfolg durch Fortführung einiger weniger Maßnahmen wie die schulmedizinische und die naturheilkundliche Medikation sowie Krankengymnastik in Eigenregie (selbstverantwortliches Handeln!) dann noch stabilisiert und vertieft werden kann, dann hat sich die Kombination aus intensiver stationärer Rehabilitation, konventioneller und naturheilkundlicher Therapie bewährt und darf als wirklich ganzheitlich bezeichnet werden.
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten stehe ich Ihnen im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in der naturkundlichen Privatambulanz. Alle notwendigen Laboruntersuchungen können in der Inneren Abteilung der Habichtswaldklinik oder der Naturheilkundlichen Privatambulanz durchgeführt werden.
Informationen über das Therapieangebot der Inneren Abteilung:
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