Antioxidantien Super gesund oder höchst gefährlich?
In der
Zeitschrift „Versicherungsmedizin“ (60, 2008, Heft 3, Seite 106) las ich
folgende „Notizen vom Tage“. Nach einer aktuellen Meta-Analyse von 67 Studien
mit rund 233.000 Teilnehmern gibt es keine überzeugenden Beweise für die
krankheitsvorbeugende Wirkung von antioxidativen Vitaminen. Im Gegenteil: Eine
Einnahme mit entsprechenden
Die
ausgewerteten Studien umfassten kranke und gesunde Menschen, die entweder als
komplementäre Therapie ihrer Krankheit oder zur
Vorbeugung von Krankheiten entsprechende Vitamine substituierten. Bei Einnahme
von
Schon wieder ein Schlag ins Gesicht der Nährstoffprotagonisten? In
jüngster Zeit gibt es immer wieder Berichte über eine vermeintliche oder
tatsächliche Gefährdung durch Nährstoffe. Einige davon habe ich in
Internetartikeln kritisch aufgearbeitet (kritischer Bericht zu
Omega-3-Fettsäuren,
In der Originalveröffentlichung (Bjelakovic, G. et al.: Antioxidant supplements for prevention of mortality in healthy participants and patients with various diseases. Cochrane Database Syst Rev, 2008 Apr 16: CD007176) finden sich tatsächlich die oben angegebenen Daten korrekt zitiert. Eine klitzekleine Kleinigkeit wurde jedoch merkwürdigerweise unterschlagen: Die angegebenen negativen Effekte antioxidativer Vitamine ließen sich nur dann errechnen, wenn man vorher die Probanden, die Selen eingenommen hatten, herausrechnete. Berücksichtigte man jedoch die Seleneinnahme, so ergab sich sogar eine verminderte Sterblichkeit um 9 %!
Derselbe Autor untersuchte in einer ähnlichen Meta-Analyse den Effekt von
Antioxidantien auf Karzinome des Magen-Darm-Traktes. Dabei kam er zu ganz
ähnlichen Ergebnissen:
Antioxidantien - Kritik aus Sicht des orthomolekularen Praktikers Das
antioxidative Abwehrsystem unseres Organismus ist äußerst komplex aufgebaut. Die
oxidativen Angriffe auf unsere verschiedenen
körpereigenen Strukturen (z.B. Zellmembranen, DNS, LDL- Ø Entstehung freier Radikale bei der normalen Verbrennung von Sauerstoff in den Mitochondrien
Daher hat die Natur im Laufe der Evolutionsgeschichte auch zahlreiche Abwehrmechanismen gegenüber diesen Bedrohungen entwickelt:
Das
Ganze wird noch dadurch kompliziert, das bestimmte antioxidativ wirksamen
Substanzen unter spezifischen Umständen selbst prooxidativ wirken. So wirkt
Eisen in geringen Mengen antioxidativ, in hohen Dosen jedoch prooxidativ. Dies
ist vermutlich eine von mehreren Erklärungen für die hohe Rate von Herzinfarkten
und
All
diese antioxidativen Systeme ergänzen sich untereinander. So können etwa
„verbrauchte“ Vitamine von anderen Antioxidantien regeneriert werden. Bestimmte
Kombinationen scheinen ihre antioxidativen Wirkungen sogar ins Gegenteil zu
verkehren. So ist eine hohe Dosis
Und dies ist nur ein Bruchteil dessen, was wir über antioxidative Systeme wissen. Und alles, was wir bisher über freie Radikale und ihre Abwehr durch Antioxidantien wissen ist mit Sicherheit nur ein Bruchteil dessen, was relevant ist.
Wir
Menschen glauben aber in unserer Hybris, wir könnten ein komplexes System in
eine gewünschte Richtung beeinflussen, wenn wir nur einen einzigen Faktor in die
scheinbar positive Richtung ändern.
Ein banal erscheinendes, aber einleuchtendes Beispiel: Jeder würde erwarten, dass eine Kreisligamannschaft im Fußball eine enorme Leistungssteigerung erfährt, wenn ein Spieler wie Christiano Ronaldo dieses Team verstärkt. Unter Umständen könnte aber auch das Gegenteil eintreten, wenn das ganze Spiel auf diesen Spieler ausgerichtet ist und die gegnerische Mannschaft diesen Einzelspieler gezielt neutralisiert. Spielen jedoch noch drei oder vier andere Weltklassespieler in der Kreisligamannschaft, dann ist diese (zumindest auf Kreisliganiveau) aller Wahrscheinlichkeit nach wirklich unschlagbar. Ähnlich
könnte es sich mit den Antioxidantien verhalten. Ansätze, mit Einzelsubstanzen
ein komplexes System beeinflussen zu wollen, sind vermutlich von vornherein zum
Scheitern verurteilt – und zwar aus prinzipiellen Gründen. Es ist nicht
bewiesen, aber es spricht doch Einiges dafür, dass wir gerade im Bereich von
Antioxidantien mehrere Wirkstoffe benötigen, die bezüglich ihrer Dosis gut
aufeinander abgestimmt sind, um wirklich Schutzwirkungen zu erzielen. Das
Auch ein Christiano Ronaldo braucht ein Team, um erfolgreich sein zu können Auch
dies ist bisher aber nur Spekulation, da für ein solches Konzept bisher keine
wissenschaftlichen Modelle existieren, um diese Behauptungen zu verifizieren.
Aus den oben zitierten „einfach gestrickten“ wissenschaftlichen Studien aber
eine Schädlichkeit der Vitamine abzuleiten, ist bei der Komplexität des
antioxidativen Systems wissenschaftlich nicht haltbar. Die Behauptung vieler
Nährstoffhersteller, ausgerechnet ihr Produkt würde mit Sicherheit vor
Meine Kritik an den in der Meta-Analyse berücksichtigten Studien:
Ø
Ø
Die Studien
mit Karotin verwenden ausschließlich
Ø
Beim
Ø Beim Selen wird nicht berichtet, ob es sich um organisches Selen (meist aus Hefe) oder anorganisches Selen (Na-Selenit) handelt. Es gibt Hinweise auf eine bessere Wirksamkeit des anorganischen Selens.
Ø
In jeder
Meta-Analyse etwa zu
Ø
Dasselbe gilt
für die Dosis. In manchen Studien werden 20 µg Selen verwendet, in anderen bis
zu 200 µg (Tagesbedarf 30-70 µg). Beim
Ø
Bei den
Kombinationsstudien mit
Ø
In keiner
einzigen Studie wurde vorher bei den Teilnehmern der Nährstoffstatus ermittelt.
Jemand der gut mit Selen versorgt ist, wird durch eine zusätzliche Gabe sicher
nicht so profitieren wie jemand der im Mangel ist. Es gibt ja auch keine
Grünkohl – reich an Karotinoiden Zeaxanthin und Lutein, Tomaten enthalten sehr viel Lycopin Fazit: Differenzierte Betrachtung anstelle von dümmlichem Schwarz-Weiß-Denken Ich befürchte, dass diese Meta-Analyse breit, aber sehr undifferenziert veröffentlicht werden wird. Es bereitet ja auch Mühe, die Einzelheiten zwischen den Zeilen zu lesen und zu interpretieren. Und weglassen, um damit klare Aussagen zu erreichen, ist allemal leichter als Kritisches zuzulassen, um damit die schöne Aussage („Antioxidantien sind schädlich!“) zu verwässern. Zusammenfassen lässt sich jedenfalls Folgendes konstatieren: Ø Die durchgeführten Studien mit Antioxidantien ergaben keinen Überlebensvorteil in den Gruppen mit der Einnahme der Antioxidantien. Das Risiko ist sogar leicht erhöht – jedenfalls bei den eingesetzten Präparaten (welche sind das?) in den eingesetzten Dosierungen (vielfach zu gering) und den eingesetzten Kombinationen (die sich möglicherweise sogar antagonisieren). Ø Davon unbeeinflusst bleibt jedoch der nachgewiesene Schutzeffekt antioxidantienreicher Lebensmittel, von denen keinesfalls abzuraten ist.
Ø
Der
Schutzeffekt bezüglich einer geringeren
Ich selbst glaube immer noch an die Überlegenheit einer sinnvollen (!) Kombination von Antioxidantien, gebe aber zu, diese nicht beweisen zu können. Ich setze sinnvolle Einzelpräparate oder Kombinationen auch nach wie vor ein – abhängig von vorhandenen Risikofaktoren, klinischen Erkrankungen und ggf. nachgewiesenen Mangelzuständen. Ich
würde mir jedenfalls endlich mal eine intelligente Studie wünschen, die nicht
alle Nährstoffe und alle Versuchsteilnehmer über einen Kamm schert. Bei den
antioxidativen Nährstoffen würde ich
Es wäre
darauf zu achten, dass Zink streng nüchtern und
Jeder Einzelne hat es aber selbst mit seiner Lebensweise – zumindest teilweise – in der Hand, wie sein Krebsrisiko aussieht. Die Effekte einer gesunden, vollwertigen Kost (die allerdings meilenweit von der so genannten „ausgewogenen“ bundesdeutschen Durchschnittskost entfernt ist) sind dabei unbestritten. Regelmäßige sportliche Betätigung im moderaten Ausdauerbereich schützt nachweisbar nicht nur vor etlichen Krebsarten, sondern auch vor Schlaganfall und Herzinfarkt. Das Mentale, das Geistige, das Spirituelle – wie immer man es nennen mag – scheint ebenfalls einen großen Einfluss zu haben. Menschen mit einer positiven, optimistischen Grundeinstellung, Vertrauen in ihre eigenen Selbstheilungskräfte, in Gott oder in die Natur, und die gelassen und humorvoll auch gegenüber Widrigkeiten des Lebens reagieren scheinen weniger krank zu werden oder Krankheit besser bewältigen zu können. Zusätzliche Nährstoffe (bei Krebs oder erhöhtem Krebsrisiko auf jeden Fall Selen) scheinen dann ohnehin nur noch das I-Tüpfelchen zu sein. Wenn Sie irgendetwas einnehmen – sei es ein Blutdruckmittel, ein Antibiotikum oder ein Nährstoffpräparat -, dann nehmen Sie dieses immer voller Vertrauen auf eine positive Wirkung ein – dann hilft es nämlich auch besser!
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten stehe ich Ihnen im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in der naturkundlichen Privatambulanz.
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